5 Fragen an Gyetrul Jigme Rinpoche
— Spiritueller Leiter des Landguet Ried / Ripa International Center —
Oktober 2026
Gyetrul Jigme Rinpoche ist der spirituelle Leiter des Ripa International Center, dessen Zuhause das Landguet Ried ist. Im Gespräch erzählt er, was ihn dazu bewegt hat, eine Stupa für den Weltfrieden zu bauen, was es braucht, damit ein solcher Ort lebendig wird – und wie man ihr auch ohne buddhistischen Hintergrund begegnen kann.
«Was hat dich persönlich dazu bewegt, den Bau einer Stupa im Landguet Ried / Ripa International Center anzustossen – und was bedeutet dir dieses Projekt persönlich?»
Vor mehr als dreissig Jahren, bei meinen ersten Besuchen in der Schweiz, nahm mich meine Familie auf den Säntis mit. Dort stiess ich unerwartet auf eine Stupa, eingebettet in die schöne, verschneite Bergwelt. Der Anblick berührte mich tief. Es war, als verleihe sie der Landschaft eine zusätzliche Dimension von Heiligkeit und schenke mir ein tiefes Gefühl von Wärme, Zugehörigkeit und Willkommensein. Ich konnte ja nicht ahnen, dass wir viele Jahre später die Gelegenheit haben würden, einen ähnlichen Wunsch hier im Ripa International Center / Landguet Ried zu verwirklichen. Rückblickend spüre ich, dass es eine tiefere Verbindung gibt. Ich glaube, dass nichts ohne Grund geschieht.
Als wir das Zentrum vor beinahe fünfzehn Jahren gegründet haben, begannen wir, einen Ort mit einigen schmerzhaften Erinnerungen in einen lebendigen Raum zu verwandeln, der dem Wohlergehen von Körper, Geist und Seele gewidmet ist – einen Ort voller Freude, Lachen, Güte und Mitgefühl. Heute ist es ein Ort, an dem Menschen das Wesentliche der buddhistischen Lehren erfahren und Gewaltlosigkeit, Weisheit und Mitgefühl in ihrem Alltag entwickeln können.
Eine Stupa hier zu bauen, ist für mich die natürliche Fortsetzung dieser Verwandlung. Sie gibt den Werten, die diesen Ort geprägt haben und die wir mit der weiteren Welt teilen möchten, einen sichtbaren und beständigen Ausdruck. Die Stupa ist viel mehr als ein Bauwerk: Sie ist ein heiliges Symbol für Erwachen und Erleuchtung und steht für das höchste Potenzial des Menschen.
Persönlich sehe ich dieses Projekt als Möglichkeit, etwas Sinnvolles und Bleibendes beizutragen – nicht nur für unsere Gemeinschaft, sondern für die ganze Menschheit. Es ist der Wunsch, eine Quelle des Friedens, des Segens und des inneren Erwachens zu schaffen, die kommenden Generationen zugutekommt.
«Es ist der Wunsch, eine Quelle des Friedens, des Segens und des inneren Erwachens zu schaffen, die kommenden Generationen zugutekommt.»
«Die Stupa ist dem Weltfrieden gewidmet. Wie können die Stupa, das Ripa International Center und die Ripa-Linie zu diesem hohen Ziel beitragen?»
Heute stehen wir als Menschheit vor enormen Herausforderungen. Wir erleben eine zunehmende Entfremdung und eine schleichende Aushöhlung der Werte von Vertrauen, Güte und Mitgefühl. In einer Zeit, in der Negativität, emotionale Aufruhr und Aggression zu überwiegen scheinen, halte ich es für wichtiger denn je, eine Stupa zu errichten, die als kraftvolles Symbol für Gewaltlosigkeit und Frieden dasteht.
Die Stupa verkörpert die universellen Prinzipien von Frieden, Weisheit und Mitgefühl. Für Buddhistinnen und Buddhisten steht sie für den Weisheitsgeist des Buddha – den erwachten Zustand, den wir alle verwirklichen möchten. Zugleich reicht ihre Botschaft weit über die buddhistische Gemeinschaft hinaus. Sie steht für das allgemein menschliche Streben nach Gewaltlosigkeit, Respekt, Hoffnung und Harmonie unter allen Menschen.
Das Ripa International Center und die Ripa-Linie können zu diesem Anliegen beitragen, indem sie diese Prinzipien erfahrbar machen. Durch die buddhistischen Lehren, durch Meditation und die Entwicklung von Achtsamkeit und Mitgefühl können wir Menschen dabei unterstützen, mehr innere Stabilität und ein tieferes Verständnis für unsere gegenseitige Abhängigkeit zu entwickeln.
Letztlich muss der Frieden in der Welt mit dem Frieden in uns selbst beginnen. Die Stupa kann als Katalysator für dieses innere Erwachen dienen und uns daran erinnern, dass die Veränderung, die wir in der Welt sehen möchten, in jedem und jeder von uns beginnt. Wenn wir Weisheit und Mitgefühl einzeln und gemeinsam entwickeln, können wir in unseren Gemeinschaften und in der weiteren Welt eine positive und nachhaltige Wirkung entfalten.
«Der Frieden in der Welt muss mit dem Frieden in uns selbst beginnen.»
Ich sehe dieses Projekt auch als Gelegenheit für ein gemeinsames Anliegen. Wenn Menschen mit der gemeinsamen Absicht für universellen Frieden zusammenkommen, kann etwas Bedeutsames entstehen, das über die Bemühungen eines einzelnen Menschen hinausgeht. Möge diese Stupa das gemeinsame Herz unserer Sangha und all jener sein, die den Wunsch teilen, eine friedlichere Welt zu schaffen.
«Was braucht es – spirituell und praktisch –, damit ein Bauprojekt zu einem lebendigen, heiligen Ort wird, der diesen Platz und die Menschen, die hierherkommen, langfristig prägt?»
Damit ein Bauprojekt zu einem wahrhaft heiligen Ort wird, braucht es viel mehr als den Bau eines Gebäudes. Es braucht ein klares und aufrichtiges Anliegen, gemeinsames Engagement und ein Verständnis für die tiefere Bedeutung dessen, was das Bauwerk darstellt.
Auf der spirituellen Ebene muss die Stupa die Qualitäten verkörpern, die sie inspirieren soll: Gewaltlosigkeit, Weisheit, Mitgefühl und das Streben nach Erleuchtung. Ihre Bedeutung wächst durch die Absichten, Gebete und guten Wünsche all jener, die zu ihrer Entstehung beitragen und mit ihr in Berührung kommen. In der buddhistischen Tradition gilt der Bau einer Stupa als Handlung von grossem Verdienst, weil sie den Buddha und seine Lehren darstellt und anderen eine dauerhafte Quelle der Inspiration bietet.
Auf der praktischen Ebene braucht ein solches Projekt den Einsatz, die Grosszügigkeit, die Zusammenarbeit und die Beteiligung vieler Menschen. Es ist eine grosse Gelegenheit für alle, zu etwas beizutragen, das über individuelle Interessen hinausreicht und zu einem Ausdruck unseres gemeinsamen Engagements für den Frieden wird.
Wir haben bereits erlebt, wie sich ein Ort durch seinen Zweck und die Werte, die er verkörpert, verwandeln kann. Das Landguet Ried und das Ripa International Center sind zu einem lebendigen Raum geworden, der dem Wohlergehen von Körper, Geist und Seele gewidmet ist. Die Stupa wäre eine natürliche Fortsetzung dieses Weges und würde dem Geist des Zentrums einen sichtbaren und beständigen Ausdruck verleihen.
Was die Stupa wirklich lebendig macht, ist nicht allein ihre physische Gegenwart, sondern die Bedeutung, die sie trägt, und die inneren Qualitäten, die sie weckt. Ihr Einfluss kann über Generationen fortbestehen und denen, die ihr in Zukunft begegnen, Mut, Inspiration und Vertrauen schenken. Solange es die Menschheit gibt, möge die Stupa die Welt weiter segnen.
«Für Menschen ohne buddhistischen Hintergrund: Wie kann man sich einer Stupa nähern, ohne ihre religiöse Bedeutung zu kennen? Was lässt sich einfach spüren oder erleben?»
Man braucht keinen buddhistischen Hintergrund, um die Bedeutung einer Stupa zu erfahren. Obwohl sie im Buddhismus eine tiefe Bedeutung hat, verkörpert sie auch allgemein menschliche Werte, die alle nachvollziehen können: Frieden, Güte, Weisheit, Mitgefühl und Respekt vor allem Leben.
Wer die Stupa besucht oder auch nur mit ihr in Berührung kommt, kann von ihrer Präsenz auf bedeutsame Weise berührt werden. Ihre tiefe Symbolik kann unsere innere Stille wecken, unsere Achtsamkeit vertiefen und uns wieder mit unserem grundlegenden Menschsein verbinden. Menschen gehen vielleicht beschützt, gesegnet und innerlich erneuert weg, mit neuem Vertrauen und einem gestärkten Glauben an das Gute im Menschen und an die verwandelnde Kraft von Weisheit und Mitgefühl.
Es braucht kein besonderes Wissen und keinen bestimmten Glauben. Man kann sich der Stupa einfach mit offenem Geist nähern, einen Moment innehalten und die Umgebung auf sich wirken lassen. Vielleicht spürt man Frieden, vielleicht einen Moment der Klarheit, oder vielleicht einfach eine tiefere Verbindung mit sich selbst und der Welt.
Das äussere Symbol hat die Kraft, unsere inneren Qualitäten zu wecken. Wenn wir einem heiligen Gegenstand von so tiefer Bedeutung begegnen, kann etwas in uns berührt und geweckt werden. Die wahre Bedeutung der Stupa liegt nicht nur in ihrer physischen Gegenwart, sondern auch in der inneren Erfahrung, die sie auslöst.
«Das äussere Symbol hat die Kraft, unsere inneren Qualitäten zu wecken.»
Auf diese Weise wird die Stupa zu viel mehr als einem buddhistischen Denkmal. Sie wird zu einer sanften und zugleich kraftvollen Erinnerung an die Weisheit, das Mitgefühl und die Menschlichkeit, die in uns allen wohnen.
«Eine Stupa ist ein jahrhundertealtes Symbol. Was bedeutet sie für dich im heutigen westlichen Leben – und wie lässt sich diese alte Weisheit in unsere Zeit übersetzen?»
Ich glaube, dass die Stupa in der heutigen Welt besonders bedeutsam ist. Wir leben in einer Zeit, in der technischer Fortschritt und materielle Entwicklung enorm vorangekommen sind, und doch erleben viele Menschen Getrenntheit, Unsicherheit und einen Verlust an Vertrauen zueinander. Die Werte von Güte, Mitgefühl und gegenseitigem Respekt sind wichtiger denn je.
Die Stupa ist ein altes Symbol, aber ihre Bedeutung ist zeitlos. In der buddhistischen Tradition steht sie für den Weisheitsgeist des Buddha und für das höchste Potenzial des Erwachens. Sie erinnert uns daran, dass Weisheit und Mitgefühl nicht nur Ideale sind, die man bewundert, sondern Qualitäten, die wir in unserem eigenen Leben entwickeln und verkörpern können.
Für mich schlägt die Stupa eine Brücke zwischen alter Weisheit und modernem Leben. Ihre Botschaft gilt unabhängig von unserem kulturellen Hintergrund, unseren Überzeugungen oder Lebensumständen. Sie erinnert uns daran, innere Stille und Achtsamkeit zu pflegen, mit Güte zu handeln, unsere gegenseitige Abhängigkeit zu achten und unsere gemeinsame Verantwortung für das Wohl der Menschheit zu erkennen.
Das Bauwerk muss zwar der Zeit standhalten, doch die Bedeutung, die es verkörpert, ändert sich nicht. Künftige Generationen, die die Stupa besuchen, finden vielleicht Mut, Inspiration und neues Vertrauen in die Möglichkeit, der Menschheit durch Weisheit und Mitgefühl zu dienen.
Ich hoffe, dass die Stupa im Landguet Ried / Ripa International Center ein bleibendes Symbol dieser Werte wird – ein Ort, der Frieden und positive Energie weit über seine physischen Grenzen hinaus ausstrahlt. Möge sie Menschen dazu inspirieren, ihre innere Güte wiederzuentdecken und mehr Mitgefühl in ihre Beziehungen, ihre Gemeinschaften und die Welt zu tragen.
Letztlich erinnert uns die Stupa daran, dass Frieden nicht bloss ein Wunsch für die Zukunft ist, sondern etwas, das wir hier und jetzt zu pflegen beginnen können – in uns selbst und in der Art, wie wir mit anderen leben.
«Frieden ist nicht bloss ein Wunsch für die Zukunft, sondern etwas, das wir hier und jetzt zu pflegen beginnen können.»
Möge diese Stupa ein bleibendes Symbol des universellen Friedens sein, eine Quelle des Segens für alle Lebewesen und eine Erinnerung daran, dass die Weisheit und das Mitgefühl, die wir in der Welt suchen, zuerst in uns selbst erweckt werden müssen.
Interview: Stefanie Weilenmann
Die Stupa im Landguet Ried / Ripa International Center ist dem Weltfrieden gewidmet – ein sichtbarer Ausdruck der Werte, die diesen Ort geprägt haben.
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Gyetrul Jigme Rinpoche ist ein traditioneller Lehrer in tibetisch-buddhistischer Meditation und Philosophie der Kagyu- und Nyingma-Übertragungslinien. Er ist Träger der Ripa-Linie, Oberhaupt der Ripa-Klöster in Indien und Nepal und spiritueller Leiter des Ripa International Center im Landguet Ried.
Seit 1996 unterrichtet er regelmässig in Asien, Europa und den USA. Mit seiner lebendigen, humorvollen und bodenständigen Art unterstützt er Menschen dabei, traditionelle spirituelle Werte in das moderne Leben zu integrieren.