Die soziale und spirituelle Dimension des Fastens
— Ein Text von Christoph Albrecht —
Oktober 2026
Fasten wirkt auf Körper und Seele – aber was bewirkt es in der Welt? Christoph Albrecht geht der sozialen und spirituellen Dimension des Fastens nach: von Basilius dem Grossen über gewaltfreie Befreiungsbewegungen bis zu Jesaja – und fragt, wie Fasten uns sensibler macht, ohne dass wir dabei um uns selbst kreisen.
«Wenn aber alle Völker den Rat des Fastens annähmen, um ihre Fragen zu regeln, würde nichts mehr verhindern, dass tiefster Friede in der Welt herrsche.»
(Basilius der Grosse, 2. Fastenpredigt, zitiert in: Anselm Grün OSB. Fasten. Münsterschwarzacher Kleinschriften Nr. 23. Münsterschwarzach: Vier-Türme-Verlag 1984, S.19f)
Die Völker würden nicht mehr gegeneinander aufstehen, es gäbe keine Wegelagerer und Seeräuber mehr und, «das Fasten würde alle lehren, die Liebe zum Geld, zu überflüssigen Dingen und, im allgemeinen, die Neigung zu Feindseligkeiten aufzugeben.» (ebd.)
Fasten und Frieden
Was Basilius der Grosse im 4. Jahrhundert zur Wirkung des Fastens schreibt, hat bis heute an Aktualität nicht verloren. Tatsache ist, dass nur ein verschwindender Teil der Bevölkerung fastet. Noch geringer ist die Zahl derjenigen, die Fasten ganz bewusst praktizieren, um in einer angespannten oder konfliktgeladenen Situation klarer zu sehen und Wege zur Versöhnung zu suchen.
Hildegard Goss-Mayr und ihr Mann Jean Goss haben im französisch-algerischen Bürgerkrieg gewaltfreie Kommunikation gefördert. In diesem Kontext setzten sie sich mit Fasten auseinander:
«Das Fasten ist ein uraltes, in vielen Religionen (Buddhismus, Hinduismus, Judentum, Islam, Christentum) angewandtes Instrument zur persönlichen Läuterung und gesellschaftlichen Befreiung. […] Für die Gewaltfreien, die in ihrem Handeln die Kraft der Wahrheit und der Liebe einzusetzen suchen, ist es unabdingbar notwendig, Quellen aufzudecken, die diese Kräfte in ihnen zum Wachsen bringen. Das Fasten ist eine dieser Quellen.»
(Über den Sinn des Fastens, in: Hildegard Goss-Mayr, Der Mensch vor dem Unrecht, Spiritualität und Praxis gewaltloser Befreiung, Thalia, Wien (4. Auflage) 1981, S. 101–103; ISBN 3-203-50786-2.)
Goss-Mayr erzählt verschiedene Geschichten aus Befreiungskämpfen, in denen gewaltfreie Aktion wesentlich zu positiven Wendungen geführt haben. Zur Rolle des politischen Fastens erzählt sie das Zeugnis eines Freundes, der ihr sagte, «er spüre im Verlauf des Fastens stets eine grosse Freude, die darauf zurückgehe, dass er sich bewusst sei, eine tiefe Liebesbeziehung zu dem Gegner hergestellt zu haben. Durch das Opfer des Fastens werde der Feind umgeben, getragen, erfasst und von der Kraft der Liebe, die vom Fastenden ausgeht, auf ihn zugeht – im Gegensatz zu den Kräften des Hasses, der Lüge, die meist in Konflikten aufbrechen und jeden der Konfliktträger in dieser Richtung bestärken. Durch das Fasten jedoch werde der Gegner von der Kraft der Liebe beeinflusst und herausgefordert, eine neue Haltung zu beziehen.» (ebd.)
Fasten im Alltag
Wohl meistens viel unspektakulärer und doch von entscheidender Bedeutung für das Leben mit Konfliktsituationen ist heute das Intervallfasten oder das gezielte Kurzzeit-Fasten vor wichtigen Entscheidungen geworden. Womöglich praktizieren das nur wenige Menschen systematisch, doch wer die eigene Nervosität auch als Unwohlsein im Bauch wahrnimmt und beim Essen entsprechend Rücksicht darauf nimmt, ist schon auf der Spur zu einem ganzheitlich verstandenen Fasten. Ein möglichst bewusster Umgang damit ist allerdings auch hier geboten. Denn in allem ist Übertreibung möglich. Und ich spreche hier nicht von chronischen Essstörungen.
Angesichts der sozialen Spannungen, der ökologischen Zerstörung und der Verrohung der politischen Kultur in unserer Gesellschaft ist es nicht verwunderlich, dass ein diffuses Unbehagen gerade bei von Natur aus sensiblen Menschen so manche krankhafte Reaktion entstehen lässt – durch übermässigen Konsum genauso wie durch Exzess im Nahrungsverzicht. Gerade in diesem Kontext ist die Möglichkeit zum Fasten in einem guten Rahmen von grosser Bedeutung.
Fasten macht uns sensibler und lässt uns Unstimmigkeiten deutlicher spüren. Im Blogbeitrag vom Dezember 2025 zum Thema Heilfasten und Meditation wurden drei Ebenen des Heilfastens, die einander ergänzen und vertiefen, genannt:
Körperlich: Entlastung und Neuordnung,
Innerlich: Gefühle, Gedanken, Entscheidungen, sowie
Sozial und ökologisch: Verbundenheit statt Abkapselung.
Während wir beim Fasten auf körperlicher und psychischer Ebene Veränderungen unmittelbar erfahren (z.B. in Ernährung und Verdauung so etwas wie einen Reset, im inneren Erleben mehr Klarheit und Ruhe), lässt sich auf sozialer Ebene meistens keine Veränderung der Gesellschaft wahrnehmen.
Ich kann monatelang fasten, doch der Hunger wird damit nicht aus der Welt geschafft. Ich kann jahrelang auf Flugreisen und Fleisch verzichten, doch die Klimaerwärmung beschleunigt sich unverändert weiter. Das zeigt: Die soziale und ökologische Wirkung des Fastens können wir nicht auf die gleiche direkte Weise erfahren wie die gesundheitliche, körperliche, seelische und spirituelle Dimension.
Wenn Fasten zur Nabelschau wird
Zusätzlich muss zur sozialen Dimension des Fastens auch kritisch angemerkt werden, dass Fasten unter gewissen Bedingungen und in einer bestimmten Haltung auch asozialer machen kann. Fasten erhöht zuerst einmal meine Sensibilität und Reizbarkeit. Wenn ich mir dessen nicht bewusst bin oder nicht bewusst damit umgehe, hebe ich mich von anderen Menschen ab, nehme ich nur noch meine Sorgen und Anliegen wahr und kreise schliesslich um mich selbst. Dann verkommt Fasten zu einer spiritualisierten Nabelschau und führt ins Gegenteil dessen, was mit dem Heilfasten beabsichtigt wird.
Die soziale und spirituelle Dimension des Fastens gelingt hingegen gerade dort, wo der bewusste Umgang mit eigener Verletzlichkeit, Unzulänglichkeit, Schwäche, Ohnmacht und Grenzen in eine grössere Tiefe und zu einer umfassenderen Selbstannahme führt. Wenn ich vor aller Leistung, unabhängig von meinem Wissen und Können, weiss: Ich bin angenommen, im Leben bedingungslos willkommen, dann kann ein tiefes Gespür für die Verbundenheit mit allem Lebendigen wachsen. Gerade das geschieht im Fasten.
Fasten, Beten, Teilen
Genau das ist auch eine Weisheit des Fastens in den religiösen Traditionen. Im Islam gehört zu einer gesunden Praxis des Ramadans das allabendliche Teilen: grundsätzlich jede und jeder ist willkommen. In der jüdisch-christlichen Tradition wird es wohl am deutlichsten beim Propheten Jesaja beschrieben. Wenn wir folgenden Text nicht im moralisierenden Sinne verstehen, sondern als Beschreibung eines Weges zu ganzheitlichem Glück, kann er jedes Heilfasten, ob individuell oder in einer Gruppe gestaltet, begleiten:
«Schau: Am Tag eures Fastens findet ihr zwar Gefallen, aber alle in eurem Frondienst treibt ihr weiter an. Schau: Zum Streiten und Auspressen fastet ihr und um mit gewalttätiger Faust dreinzuschlagen. Ihr sollt nicht so wie jetzt fasten, wenn eure Stimme in der Höhe erhört werden soll.»
(Jesaja 58, Übersetzung: BigS, Bibel in gerechter Sprache)
Jesaja appelliert an die Frommen: Fasten darf nicht auf Kosten der anderen praktiziert werden. Wenn mit Fasten und Beten die Beziehung zum Göttlichen gefördert werden soll, kann die Frage nach sozialer Gerechtigkeit nicht ausgeblendet werden.
«Ist nicht dies ein Fasten, wie es mir gefällt: Unrechtsfesseln öffnen, Jochstricke lösen, Misshandelte als Freie entlassen, jedes Joch zerbrecht ihr! Geht es nicht darum? Mit Hungrigen dein Brot teilen, umherirrende Arme führst du ins Haus! Wenn du Leute nackt siehst, bekleidest du sie, vor deinen Angehörigen versteckst du dich nicht. Dann wird dein Licht wie die Morgenröte hervorbrechen, eilends wächst deine Wunde zu. Dann wird deine Gerechtigkeit vor dir hergehen, der Glanz Gottes sammelt dich auf. Dann wirst du rufen, und Gott wird dir antworten. Du schreist um Hilfe, und Gott wird sagen: ‹Hier bin ich!› » (ebd.)
Engagement, Fasten, Gebet
Angesichts der heutigen gesellschaftlichen und ökologischen Krisen und der wiederkehrenden Versuchungen, mich entweder Gefühlen der Ohnmacht hinzugeben und zu resignieren, oder mich in einem überengagierten Aktivismus letztendlich zu erschöpfen, erfahre ich die heilsame Verbindung folgender drei Pole:
Engagement: Als Freiwilliger in der Unterstützung von geflüchteten und an den Rand gedrängten Menschen.
Fasten: Bewusster und auf freier Entscheidung basierender Verzicht auf Mittel, die Umwelt und zwischenmenschliche Beziehungen belasten.
Gebet: Regelmässiges Innehalten und mich im Atem und im Anliegen mit der unendlich gütigen und zärtlichen Kraft in und um uns verbinden, auf mein Gewissen und mein Herz hören.
Damit kann ich selbst die Welt nicht retten, aber so ein Lebensstil führt mich immer wieder in Gemeinschaft von wunderbaren Menschen. Da weiss ich, «wohin ich gehöre» und dass es gut und richtig ist, «immer wieder von denen zu lernen, die es sich nicht leisten könnten, ohne Hoffnung zu leben». (Dorothee Sölle)
Christoph Albrecht leitet gemeinsam mit Andrea Ciro Chiappa die Woche «Heilfasten, Stille und Achtsamkeit – ein bewusster Start ins Jahr» vom Sonntag, 31. Januar bis Sonntag, 7. Februar 2027 im Landguet Ried – eine Woche, in der Fasten, Stille und Achtsamkeit zusammenkommen.
Möchtest du erfahren, was Fasten in dir und zwischen den Menschen bewegen kann? Hier findest du alle Details zur Fastenwoche >>>
Christoph Albrecht ist Jesuit und Theologe, promoviert in Pastoraltheologie. Er bringt langjährige Erfahrung als Exerzitien- und Kursleiter sowie in der Seelsorge für Geflüchtete und Fahrende mit. Heute engagiert er sich im Jesuiten-Flüchtlingsdienst Schweiz und verbindet spirituelle Praxis mit gesellschaftlicher Verantwortung.
Andrea Ciro Chiappa ist Diplom-Oecotrophologe und ärztlich geprüfter Fastenleiter dfa. Er sammelte prägende Erfahrungen in der Fastenklinik Buchinger-Wilhelmi am Bodensee und begleitet seit vielen Jahren Fastenwanderungen sowie Ausbildungen an der Deutschen Fastenakademie. Seine Arbeit verbindet medizinische Kompetenz mit einer ganzheitlichen Sicht auf Ernährung, Bewegung und Achtsamkeit.