Das Gute in sich aufnehmen
— Ein Text von George Peterburs und Lisa Brandner —
August 2026
«Unser Gehirn wird kontinuierlich neu geformt – wir können mehr Verantwortung für unser Gehirn übernehmen, indem wir auf die Kultivierung positiver Zustände einwirken.»
Richard J. Davidson, Neurowissenschaftler
Kennst du das? Du hattest einen wunderschönen Tag, aber am Abend reicht ein einziger unfreundlicher Kommentar, und die gute Laune ist verflogen. Unser Gehirn ist von Natur aus darauf programmiert, Negatives wie ein Klettverschluss festzuhalten und Positives wie Wasser abperlen zu lassen. Die gute Nachricht: Wir können beeinflussen, wie unser Gehirn durch Erfahrungen geprägt wird. Genau hier setzt die Positive Neuroplastizität an.
Was ist Positive Neuroplastizität im Kern?
Das Gehirn ist plastisch und verändert sich ein Leben lang. Neuroplastizität geschieht zu einem grossen Teil automatisch. Doch durch unsere Aufmerksamkeit, Erfahrungen und bewusste Übung können wir mitgestalten, was unser Gehirn lernt und welche Verbindungen gestärkt werden.
Positive oder selbstgesteuerte Neuroplastizität beschreibt die bewusste Aktivierung, Vertiefung und Kultivierung günstiger Bewusstseinszustände und Erfahrungen. In der Regel sind positive Erfahrungen im Leben von allen Menschen vorhanden, selbst in alltäglichen Situationen. Jedoch haben wir es meist nicht gelernt, diese flüchtigen Erfahrungen auf neuronaler Ebene ausreichend zu festigen, sodass sie dauerhaft und stärker im Vordergrund bleiben, anstatt bei der nächsten Störung wieder in den Hintergrund zu treten.
Das Ziel ist, von «States» zu «Traits» zu gelangen – von flüchtigen positiven Zuständen zu dauerhaften Merkmalen im Geist und im Gehirn.
Wie der Neurowissenschaftler Richard Davidson und andere es beschreiben, besteht das Ziel darin, von «States» zu «Traits» zu gelangen. Diese neuronalen Eigenschaften lassen sich mittlerweile durch Gehirnscans nachweisen – und zwar nicht nur bei Mönchen und langjährigen Meditierenden. Sind diese positiven Netzwerke erst einmal etabliert, können wir sie selbst in schwierigen Momenten aktivieren, ins Bewusstsein rücken und so mit Schwierigkeiten besser umgehen. Dies wird auch als «resilientes Gehirn» bezeichnet.
Positive Neuroplastizität kann durchaus auch als Gegenstück zu der angeborenen und evolutionär bedingten Negativitätsverzerrung des menschlichen Gehirns betrachtet werden.
Der dreibeinige Hocker
Rick Hanson hat mir vor etwa 10 Jahren bei einem ersten persönlichen Gespräch den Unterschied zwischen Achtsamkeit und Positiver Neuroplastizität anschaulich erklärt. Anhand seiner Finger beschrieb er einen dreibeinigen Hocker: Ein Bein steht für Achtsamkeit, das zweite für Mitgefühl und das dritte für Kultivierung.
Achtsamkeit ist sehr wichtig, aber allein – mit nur einem langen Bein – kann der Hocker nicht stehen.
Sie braucht ausserdem starkes Mitgefühl und schliesslich Kultivierung. Genau darum geht es bei der Positiven Neuroplastizität: um die Fähigkeit, gute, stärkende Erfahrungen im Geist und im Gehirn zu kultivieren. Es geht darum zu lernen, wie das Gehirn aus Erfahrungen lernt und wie der neuroplastische Prozess gefördert wird.
Warum das Gute so schnell wieder verschwindet
«Das Gehirn ist gut darin, aus schlechten Erfahrungen zu lernen, aber es lernt schlecht aus guten Erfahrungen», sagt Rick Hanson.
In der westlichen Kultur wird dem Erleben positiver Ereignisse im Allgemeinen grosse Bedeutung beigemessen. Viele Menschen haben jedoch erhebliche Schwierigkeiten, diese positiven Erfahrungen in dauerhafte neuronale Strukturen umzusetzen. Die «Umwandlungsrate» positiver Zustände in bleibende, neuronale Merkmale ist bei Menschen in der Regel sehr gering. Oft suchen wir zahlreiche, immer neue – und teure – Reize, ohne dass diese eine dauerhafte Wirkung zeigen.
Vielleicht sind wir sogar zu Erlebnisjunkies geworden – ohne den Erfahrungen, die bereits da sind, genügend Zeit zu geben, wirklich nachzuwirken.
Die Voraussetzungen für das Aktivieren und Vertiefen positiver Erfahrungen sind:
das Wahrnehmen von manchmal ganz alltäglichen positiven Erfahrungen, die im Leben eines jeden Menschen vorhanden sind
das bewusste Innehalten, um diese Erfahrungen zu festigen und zu vertiefen – mit Hilfe von Erkenntnissen aus den Neurowissenschaften
die selbstgesteuerte Kultivierung persönlich relevanter Erfahrungen
Eine positive Erfahrung ist nicht dasselbe wie ein positiver Gedanke – und bei dieser Arbeit geht es auch nicht um positives Denken. Entscheidend ist, dass wir eine Erfahrung nicht nur gedanklich verstehen, sondern sie emotional und körperlich wahrnehmen. Dieses bewusste Spüren und Verweilen kann dazu beitragen, dass eine Erfahrung besonders eindrücklich wird und nachhaltig nachwirkt.
Wie George zu diesem Ansatz kam
Als ich zum ersten Mal auf Rick Hanson und seine Arbeit stiess, war Positive Neuroplastizität für mich absolutes Neuland. Als Philosoph und Meditierender lag meine Priorität stets darauf, Einblicke in das Wesen der Dinge und der Welt zu gewinnen. Wie positive Erkenntnisse zu dauerhaften, stärkenden Zuständen wie Glück, Mitgefühl oder Sicherheit führen konnten, war mir ein Rätsel.
Sicherheit zum Beispiel ist – wie so vieles andere auch – eine positive Erfahrung. Und zwar eine, die wir aktiv pflegen und täglich erleben können. Wir können unser Nervensystem bewusst auf alltägliche Erfahrungen von Geborgenheit und Schutz ausrichten und es dadurch weniger anfällig für Ängste machen. Das war eine neue Erkenntnis für mich, die mir wirklich die Augen geöffnet hat.
Es gibt viele Wege, Positive Neuroplastizität gewinnbringend zu nutzen. Rick hebt insbesondere drei hervor:
die Stärkung innerer Ressourcen und der eigenen Resilienz
die gezielte Verknüpfung positiver Erfahrungen mit zuvor erlebten negativen Erfahrungen, um diese neu zu verarbeiten und zu integrieren
die Förderung spirituellen Wachstums
Letzteres Thema hat Rick insbesondere in seiner Arbeit zum «Neurodharma» untersucht.
Für wen eignet sich dieses Training – und wo liegen die Grenzen?
Hermann Hesse hat einmal geschrieben: «Jeder kann zaubern, jeder kann seine Ziele erreichen, wenn er denken kann, wenn er fasten kann.»
Für mich lässt sich darin eine interessante Verbindung zur heutigen Forschung sehen: Wir sind unseren gewohnten Denk- und Erlebensmustern nicht vollständig ausgeliefert. Durch Aufmerksamkeit, Übung und wiederholte Erfahrungen können wir mitgestalten, wie sich unser Geist und Gehirn entwickeln.
Grundsätzlich kann jeder Mensch von dieser Praxis profitieren, der eine wohltuende Erfahrung wahrnehmen und für eine Weile im Bewusstsein halten kann. Gleichzeitig gilt: Wer durch schwere psychische Belastungen oder traumatische Erfahrungen leicht überwältigt wird, sollte diese Form der inneren Arbeit nur mit entsprechender therapeutischer Begleitung praktizieren. Wann immer möglich, führen wir vor Kursbeginn ein kurzes persönliches Gespräch mit allen Kursteilnehmenden, um mögliche psychische Anfälligkeiten einzuschätzen.
Was Teilnehmende konkret in den Alltag mitnehmen
Im Training lernen die Teilnehmenden, positive Erfahrungen bewusster wahrzunehmen, innezuhalten und geistig wie körperlich zu vertiefen. Eine einfache Übung dafür ist die sogenannte 30-Sekunden-Regel.
Entscheidend ist zudem, die jeweils persönlich relevanten Erfahrungen und inneren Stärken zu erkennen und sich ihrer bewusst zu werden – Erfahrungen, die «damals» vielleicht gefehlt haben, die wir aber «heute» bewusst pflegen können und die, sobald sie als Gewohnheit im Alltag integriert sind, das Leben entscheidend verändern.
Wir können positive Erfahrungen auf neuronaler Ebene aktiv stärken – und dadurch mit schmerzhaften Erfahrungen aus der Vergangenheit auf neue Weise umgehen.
Schliesslich geht es auch darum, Vertrauen darin zu entwickeln, dass wir positive Erfahrungen auf neuronaler Ebene aktiv stärken können – und dass uns diese zunehmend dabei unterstützen können, mit schmerzhaften Erfahrungen aus der Vergangenheit auf neue Weise umzugehen.
Ein Text von George und Lisa, in Zusammenarbeit mit Stefanie Weilenmann
George und Lisa leiten im Landguet Ried das Wochenende «Das Gute in sich aufnehmen» vom 18. bis 20. September 2026 – ein achtsamkeitsbasiertes Training, das neueste neurowissenschaftliche Erkenntnisse mit einfach umsetzbarer Praxis im Alltag verbindet. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.
Möchtest du selbst erfahren, wie sich positive Erfahrungen dauerhaft im Gehirn verankern lassen? Hier findest du alle Details zum Kurs «Das Gute in sich aufnehmen» >>>
George Peterburs ist zertifizierter Coach, Lehrer für Achtsamkeit, Resilienz und Positive Neuroplastizität sowie Berater für Wellbeing und Kulturwandel in Organisationen. Er hat unter anderem am Oxford Mindfulness Center trainiert und ein eigenes achtsamkeitsbasiertes Trainingsprogramm entwickelt – die Being-Doing Balance. George hat einen M.A. in Philosophie von der Humboldt-Universität Berlin und ist von Rick Hanson als Lehrer für Positive Neuroplastizität akkreditiert.