Innenraum – Umraum – Handlung

— Ein Text von Sandra Moebus, Judith Bigler und Dieter Bigler —

Juli 2026



Was verbindet Sitzmeditation, Spacial Dynamics® und Bogenschiessen? Auf den ersten Blick vielleicht nicht viel: die Stille des Sitzens, die bewusste Bewegung im Raum und die klare Handlung mit Pfeil und Bogen. Doch gerade in dieser Verbindung entsteht ein besonderer Erfahrungsraum – eine Bewegung vom Innenraum in den Umraum und von dort in die Handlung.


Sandra öffnet mit der Sitzmeditation den Raum nach innen. Judith führt mit der Bewegungsmeditation Spacial Dynamics® in die bewusste Beziehung von Körper, Raum und Aufmerksamkeit. Dieter bringt diese innere und äussere Ausrichtung mit dem Bogenschiessen in eine konkrete Handlung. Gemeinsam geht es ihnen um eine Übung in Präsenz: still werden, den eigenen Körper im Raum wahrnehmen, sich ausrichten, handeln – und den Anspruch loslassen, das Ergebnis vollständig kontrollieren zu müssen.


Sandra: Der Innenraum

In der Sitzmeditation entsteht zunächst ein Raum des Innehaltens. Die äusseren Reize werden weniger wichtig, der Alltag tritt zurück, und die Aufmerksamkeit wendet sich nach innen. Für Sandra geht es in diesem Kurs darum, eine Zeit zu haben, um nach innen zu schauen und zu erkennen, welche nächsten Schritte sich aus dem eigenen inneren Impuls heraus für das Leben ergeben.

Diese innere Sammlung ist kein Rückzug von der Welt. Vielmehr kann sich in der Stille ein Innenraum öffnen, in dem Antworten spürbar werden und neue Impulse für den eigenen Weg entstehen. Was im Alltag oft überdeckt ist – durch Tempo, Erwartungen, Aufgaben oder Gewohnheiten –, kann in der Sitzmeditation wieder deutlicher hervortreten.

Von hier aus entsteht die Verbindung zu Bewegung und Bogenschiessen. Der Pfeil steht nicht nur für ein sportliches Ziel, sondern kann symbolisch verstanden werden: als Bild für die innere Ausrichtung, die eigene Energie und die nächste Handlung, die sich aus dieser Sammlung ergibt. Das Ziel ist dann nicht nur die Scheibe, sondern auch ein Bild für den nächsten Schritt im Leben.

Eine Handlung, die aus einem echten inneren Impuls heraus geschieht, ist nicht erst dann wertvoll, wenn sie ein perfektes Ergebnis hervorbringt.

Besonders wesentlich ist der Moment des Loslassens. Vorher kann ich mich sammeln, ausrichten, atmen, präsent sein. Doch auf das finale Ergebnis habe ich keinen vollständigen Einfluss. Manchmal gelingt ein Volltreffer, manchmal geht es daneben. Und auch das ist in Ordnung.

Gerade darin liegt eine tiefe Übung: sich ganz auf das einzulassen, was gerade ist. Beim Bogenschiessen wird unmittelbar sichtbar, ob ich wirklich anwesend bin. Wenn ich in Gedanken bin oder mich ablenken lasse, verändert sich der Schuss. Umgekehrt kann die innere Ausrichtung aus der Meditation in das Bogenschiessen mitgenommen werden. So entsteht ein Wechselspiel: Die Stille sammelt nach innen, die Bewegung bringt diese Sammlung in den Körper, und das Bogenschiessen macht sichtbar, wie präsent und ausgerichtet ich im Moment bin.


Judith: Der Umraum

Judith bringt mit der Bewegungsmeditation Spacial Dynamics® die Wahrnehmung des Körpers im Raum ein. Spacial Dynamics® – auf Deutsch «Raumdynamik» – versteht den Menschen als «strömendes Zusammenspiel von Körper, Raum und Aufmerksamkeit», wie es Jaimen McMillan, der Begründer dieser Bewegungsart, formuliert hat.

Der Mensch steht mit seinem Körper in einem ständigen Bezug zum Raum und zur Welt um ihn herum. Seine Sinnestätigkeit, seine Aufmerksamkeit und seine Emotionen verbinden ihn mit Raum und Welt. Dieser Zusammenhang ist uns normalerweise kaum bewusst – und doch wirkt er immer.

«Wenn uns etwas bedroht, ducken wir uns. Angst lässt uns anspannen und zusammenziehen. Freude öffnet, Interesse bringt Weite, und wenn wir ein Ziel vor Augen haben, richten wir uns auf.» – Judith

Spacial Dynamics® macht diese Wechselwirkungen bewusst. Wir erleben, dass jede unserer Bewegungen sowohl eine Quelle in unserem Inneren hat als auch in unserem Umraum. Bewegung entsteht also nicht nur mechanisch im Körper – sie steht immer in Beziehung zu Aufmerksamkeit, Raum, Stimmung und innerer Haltung.

Entstanden ist Spacial Dynamics® Anfang der 1980er-Jahre, als Jaimen McMillan als junger Fechtmeister beobachtete, dass er im Fechtkampf mit seinem Bewusstsein räumlich stets vor der Degenspitze war. Daraus entwickelte sich die zentrale Einsicht: «Space moves first» – der Raum bewegt sich zuerst. Jede menschliche Bewegung folgt einer vorausgehenden, unsichtbaren Bewegung im Raum.

Für diesen Kurs ist Spacial Dynamics® deshalb eine ideale Brücke zwischen Sitzmeditation und Bogenschiessen. Wir erleben die Raumebenen horizontal, vertikal und sagittal – Ebenen, die auch beim Bogenschiessen eine wichtige Rolle spielen: die aufrechte Haltung, die Ausrichtung auf das Ziel in der Symmetrieebene, die Arme, die sich beim Spannen des Bogens in die Horizontale öffnen. Der Körper wird nicht einfach benutzt, sondern bewusst bewohnt. Er richtet sich auf, öffnet sich, findet Beziehung zum Raum. So entsteht aus der inneren Sammlung eine äussere Ausrichtung.


Dieter: Die Handlung

Dieter bringt das Bogenschiessen als konkrete, erfahrungsorientierte Handlung ein. Gut geschossen werden kann nur, wenn der Mensch ganz bei sich selbst, ganz in Ruhe und konzentriert ist. Bogenschiessen bedeutet in diesem Sinn nicht einfach Technik oder sportliche Leistung. Es heisst ruhig werden, loslassen lernen, durchatmen, ausklinken – kurz: in eine Welt der Entspannung, Konzentration und Körperkoordination eintreten. Der Alltag tritt zurück. Die Aufmerksamkeit kommt zum Körper, zum Atem, zur Haltung, zum Ziel.

«Der Pfeil nimmt jede kleinste Regung, Unregelmässigkeit, die Art des Loslassens auf – und zeigt danach klar, deutlich und unmittelbar das Resultat.» – Dieter

Was im Inneren geschieht, wird im Schuss sichtbar – nicht als Bewertung, sondern als Rückmeldung. Gerade deshalb ist der Bogen ein besonderes Gegenüber: ein «unbestechliches, reines und unmanipulierendes Gegenüber, das unverfälscht wiedergibt, was wir wollen und möchten». Er zeigt stets, wo ich mich gerade wirklich befinde – und hilft, genauer zwischen der Realität und den eigenen Annahmen darüber unterscheiden zu lernen.

Im Ablauf des Bogenschiessens liegen viele Metaphern, die sich auf Lebensthemen übertragen lassen: Standpunkt und Haltung, Sicherheit, Festhalten und Loslassen. Der Bogen ist Instrument und Spiegel zugleich – ernst und spielerisch, fordernd und öffnend.


Ein gemeinsamer Übungsweg

An den Wochenend-Retreats greifen Innenraum, Umraum und Handlung ineinander. Die drei Elemente befruchten sich gegenseitig: Die Sammlung in der Sitzmeditation wirkt auf das Bogenschiessen. Die Körperübungen helfen, den eigenen Leib bewusster zu spüren. Und das Bogenschiessen zeigt unmittelbar, ob die innere Ausrichtung im Tun lebendig wird.

So wird erfahrbar, dass Stille und Bewegung keine Gegensätze sind. Die Stille kann in Bewegung kommen. Bewegung kann zurück in die Stille führen. Und aus beiden kann eine Handlung entstehen, die nicht erzwungen ist, sondern aus einem inneren Impuls heraus geschieht.

Was Teilnehmende aus diesen Retreats mitnehmen, lässt sich nicht auf den Bogenplatz beschränken. Die Übung kann weitergehen: beim Schreiben einer E-Mail, beim Kuchenbacken, beim Jäten im Garten, in einem Gespräch oder bei einer Entscheidung. Ganz bei dem sein, was gerade geschieht. Sich sammeln. Den eigenen Standpunkt spüren. Sich ausrichten. Handeln. Und dann loslassen.

Der Kurs eignet sich für Menschen, die spirituelle Praxis und Alltag stärker miteinander verbinden möchten. Für Menschen, die Meditation nicht nur im Sitzen erfahren wollen, sondern auch in Bewegung und Handlung. Und für alle, die neugierig sind, was sichtbar wird, wenn Innenraum, Umraum und Bogen zusammenkommen.Zen verlangt keine speziellen Voraussetzungen – nur die Bereitschaft, sich einzulassen.

Ein Text von Sandra Moebus, Judith Bigler und Dieter Bigler in Zusammenarbeit mit Stefanie Weilenmann


Sandra, Judith und Dieter leiten den Kurs «Meditation & Bogenschiessen» vom Donnerstag, 3. bis Sonntag, 6. September 2026 im Landguet Ried – ein Wochenende für Menschen, die spirituelle Praxis und Alltag stärker miteinander verbinden möchten, die Meditation nicht nur im Sitzen erfahren wollen, sondern auch in Bewegung und Handlung. Besondere Vorkenntnisse braucht es keine, nur die Bereitschaft, sich einzulassen. Der Kurs findet weitgehend im Schweigen statt und eignet sich für Einsteigende und Fortgeschrittene gleichermassen; Bogenmaterial ist vorhanden.

Möchtest du selbst erfahren, was sichtbar wird, wenn Innenraum, Umraum und Bogen zusammenkommen? Hier findest du alle Details zum Kurs Meditation & Bogenschiessen >>>


von links nach rechts: Dieter, Sandra, Judith

Dieter Bigler unterrichtet Bogenschiessen als körperliche und meditative Praxis und hat zum Thema Bogenschiessen und Spacial Dynamics® im Rahmen des Waldorfschul-Sportunterrichts publiziert. Für ihn ist der Bogen seit Jahrzehnten ein unbestechliches Gegenüber – und ein Spiegel für das, was wirklich im Inneren geschieht.

Sandra Moebus ist Meditationslehrerin und Gründerin von Innenwelten. Sie assistiert Zen-Lehrerinnen und Zen-Lehrern in der Glassman-Lassalle-Zen-Linie und ist inspiriert von Werken wie dem Tao Te King und den Schriften von Willigis Jäger. Ihre Praxis verbindet Stille, Kontemplation und die Frage, welche inneren Impulse das eigene Leben tragen.

Judith Bigler ist zertifizierte Spacial Dynamics®-Lehrerin und bringt seit vielen Jahren Bewegung, Raumbewusstsein und Bogenschiessen in einen gemeinsamen Übungsweg. Tanz, Bogenschiessen und Spacial Dynamics® haben ihr Verständnis von Bewegung als Dialog zwischen Mensch und Raum geprägt.

Stefanie Weilenmann