5 Fragen an Fred von Allmen

— Lehrer für Vipassana- und Metta-Meditation —

Juli 2026



Fred von Allmen praktiziert und lehrt seit über fünfzig Jahren den buddhistischen Weg der inneren Befreiung. Im Gespräch erzählt er, wie sich die Welt und die Erwartungen an Meditation verändert haben, warum Mitgefühl für sich selbst oft der schwierigste Schritt ist – und was es bedeutet, das eigene Wirkungsfeld bewusst zu verkleinern.


«Du praktizierst und lehrst den buddhistischen Weg seit über fünfzig Jahren. Was hat sich in dieser Zeit verändert – in der Welt, in den Menschen, die zu dir kommen, und in dir selbst?»

Die Welt ist rauer geworden und hat sich deutlich von der – heute rückblickend naiv wirkenden – Vorstellung der letzten fünfzig Jahre entfernt, sie werde sich stetig zum Besseren und Friedlicheren entwickeln.

Zwar wissen manche Menschen heute besser, worauf sie sich bei Retreats einlassen. Gleichzeitig haben sich durch den «Achtsamkeits-Boom» Erwartungen etabliert, welche Achtsamkeit und Meditation – im Unterschied zur buddhistischen Praxis – vor allem als Mittel zur Stressreduktion, zur inneren Ruhe oder zu angenehmen Erfahrungen verstehen. Daher kommt es vor, dass Teilnehmende vom Stundenplan überrascht werden, der auf eine kontinuierliche und vertiefte Praxis ausgerichtet ist.

Über all die Jahre hinweg habe ich konsequent den buddhistischen Weg der inneren Befreiung gelehrt. Dabei ist mein Leben innerlich ruhiger und sinnerfüllter geworden – und äusserlich hoffentlich zunehmend hilfreicher für andere und für meine Mitwelt.


«Vipassana und Metta – Einsicht und liebevolle Güte. Die beiden Praxisformen wirken auf den ersten Blick sehr unterschiedlich. Wie ergänzen sie sich in deiner Praxis und im Retreat?»

Vipassana bedeutet, das Funktionieren von Geist und Herz immer besser zu verstehen und die Natur von «Erfahrung als solche» zu durchschauen – ein Prozess, der zu wachsender innerer Freiheit führt. Die Metta-Meditation hat zum Ziel, Herz und Geist flexibler, offener, liebevoller und mitfühlender werden zu lassen und die Selbstbezogenheit zu verringern.

Vipassana und Metta ergänzen sich in idealer Weise: Wird ein klar erkennender Geist mit Offenheit und Güte verbunden, entsteht eine Haltung, die einladender, weiser und zunehmend tiefer mit dem Leben verbunden ist – eine Entwicklung, die unser Leben grundlegend verändern kann.

Ein klar erkennender Geist, verbunden mit Offenheit und Güte – das kann unser Leben grundlegend verändern.


«Metta-Meditation beginnt oft mit Mitgefühl für sich selbst – was für viele Menschen überraschend schwer ist. Was beobachtest du da in deinen Retreats, und was hilft?»

Metta, die Meditation der «liebenden Güte», fördert eine bedingungslose Zuwendung gegenüber anderen und allem Leben – einschliesslich uns selbst. Traditionell beginnt die Praxis bei sich selbst. Anschliessend wird der Kreis schrittweise erweitert: zunächst auf Menschen, denen unsere Zuwendung leichtfällt, und weiter bis hin zu jenen, die wir als schwierig oder gar hassenswert erleben. Voraussetzung dafür ist eine gewisse Sammlung und Konzentrationsfähigkeit, die zuvor geübt werden muss.

Tatsächlich fällt es manchen Menschen schwer, sich selbst mit liebevoller Zuwendung zu begegnen. Eine mögliche Ursache liegt in kulturellen Prägungen, etwa in einer unterschwellig fortwirkenden christlichen Vorstellung, grundsätzlich nicht ausreichend oder «nicht in Ordnung» zu sein und Erlösung von aussen zu benötigen.

Ein hilfreicher Zugang besteht darin, zunächst mit einer sogenannten «Wohltäterin» zu beginnen – also mit einer Person, gegenüber der uns Metta leichtfällt. Auf diese Weise kann die Qualität der liebevollen Güte im eigenen Herzen entdeckt und gestärkt werden, sodass sie nach einiger Übungszeit auch auf sich selbst angewendet werden kann. Die Entwicklung authentischer Metta erfordert eine kontinuierliche Praxis über Wochen und Jahre hinweg – eine schnelle Lösung gibt es hier nicht.

Am wirkungsvollsten ist die Verbindung mit der Einsichtspraxis. So lernen wir, den momentanen Erfahrungen – wie sie in der Vipassana-Meditation auftauchen – mit annehmender, liebevoller Gelassenheit zu begegnen, statt mit Widerstand und innerem Konflikt. Dadurch kann sich durch beständige Praxis eine tiefe innere Freiheit entfalten.

Eine schnelle Lösung gibt es hier nicht – authentische Metta braucht kontinuierliche Praxis über Jahre.


«Du hast jahrzehntelang weltweit gelehrt – in Asien, Amerika, Europa. Seit 2020 nur noch in der Schweiz. Was bedeutet diese Verlangsamung für dich persönlich und für deine Praxis?»

Nach fünfzehn Jahren intensiver Studien und Praxis in Indien, der Schweiz und den USA sowie der Autorisierung durch meine Lehrer war meine Energie und mein Interesse am Unterrichten sehr gross. Ich konnte Einladungen zu Retreats aus aller Welt annehmen und diese – meist gemeinsam mit Kolleg*innen – auch durchführen.

Mit zunehmendem Alter, nachlassender Energie und einer natürlichen Verlangsamung gehört es heute zu meinem Weg, mein Wirkungsfeld zu verkleinern und die vorhandenen Kräfte auf das auszurichten, was tatsächlich gefragt und möglich ist. Gleichzeitig ist es durchaus wohltuend, das Leben etwas ruhiger angehen zu können. Nicht zuletzt stellt dieser Prozess eine Übung im Loslassen dar – bis hin zum endgültigen Loslassen.

Mein Wirkungsfeld zu verkleinern, ist auch eine Übung im Loslassen – bis hin zum endgültigen Loslassen.


«Was würdest du jemandem sagen, der zum ersten Mal an ein mehrtägiges Retreat im Schweigen kommt – und Bedenken hat, was in der Stille auf ihn wartet?»

Schweigen und Stille werden oft fälschlicherweise gleichgesetzt. In unseren Retreats ist Schweigen eine Teilnahmebedingung; es ermöglicht ein tieferes Eintauchen in den sonst meist sehr beschäftigten Geist. Äussere Stille kann dabei unterstützend sein, ist jedoch nicht zwingend erforderlich. In Asien, wo diese Praxistradition ihren Ursprung hat, sind die Umgebungen von Retreat-Orten häufig laut und geschäftig. Daran stört sich dort kaum jemand. Das Gewahrsein des Hörens ist ja ebenso Teil der Praxis wie die Achtsamkeit des Körpers und der Gefühle und Emotionen, wobei eine willkommenheissende Haltung der Gelassenheit kultiviert wird.

Die anfänglichen Bedenken vieler Teilnehmender vor ihrem ersten Retreat lösen sich erfahrungsgemäss oft schon nach kurzer Zeit auf.

Unsere Retreats werden von erfahrenen Lehrer*innen geleitet und von einem unterstützenden Team begleitet. Gemeinsam mit der tragenden Präsenz der Gruppe gelingt es den meisten, sowohl mit Herausforderungen als auch mit positiven Erfahrungen nutzbringend umzugehen. Eine Ausnahme bilden Personen mit ernsthaften aktuellen psychischen Problemen: Ihnen wird in der Regel von einer Teilnahme abgeraten.

Interview: Stefanie Weilenmann


Fred von Allmen leitet im Landguet Ried das Metta-Meditationsretreat vom 14. bis 18. Oktober 2026, gemeinsam mit Irene Bumbacher. Im Zentrum steht die Kultivierung von Mitgefühl und liebevoller Güte – verbunden mit der Klarheit der Vipassana-Praxis. Eine seltene Gelegenheit, von einem der erfahrensten Lehrer des deutschsprachigen Raums in eine über tiefgründige Praxis einzutauchen.

Möchtest du diese Praxis nicht nur lesen, sondern selbst erfahren? Hier findest du alle Details zum Metta-Retreat >>>


Fred von Allmen studiert und praktiziert den buddhistischen Weg des Erwachens seit über fünfzig Jahren unter Lehrenden der tibetischen Dzogchen- und Gelug-Traditionen sowie der Theravada-Vipassana-Tradition. Seit 1984 lehrte er weltweit – seit 2020 altershalber nur noch in der Schweiz – einen Weg zur befreienden Erkenntnis von Herz und Geist. Er ist Autor der Bücher Die Freiheit entdecken, Buddhismus: Lehren – Praxis – Meditation, Mit Buddhas Augen sehen, Buddhas tausend Gesichter und Co-Autor von Mahamudra & Vipassana. Er ist Mitbegründer und Lehrer des Meditationszentrums Beatenberg und war 24 Jahre lang im Stiftungsrat.

Stefanie Weilenmann