5 Fragen an Lama Tsültrim Allione
— Lehrerin, Autorin und Gründerin von Tara Mandala —
Mai 2026
Im Gespräch mit Lama Tsültrim Allione, eine der wenigen weiblichen Lamas unserer Zeit, anerkannte Emanation der tibetischen Yogini Machig Labdrön und Gründerin von Tara Mandala, einem internationalen buddhistischen Gemeinschafts- und Retreatzentrum in Colorado. Im Gespräch erzählt sie von der weiblichen Weisheit im Buddhismus, von Mutterschaft und spirituellem Weg, vom Wesen des Geistes – und davon, wo die Wurzel aller Dämonen liegt.
«Du bist eine der wenigen weiblichen Lamas unserer Zeit und hast Tara Mandala gegründet – als Ort und als internationale Gemeinschaft. Wie hat sich das Verständnis von weiblicher Weisheit und Führung in den vergangenen Jahrzehnten verändert und was fehlt noch heute?»
Als mein erstes Buch Tibets Weise Frauen 1984 erschien, war es das erste Werk, das die weibliche Dimension im Buddhismus – und insbesondere im tibetischen Buddhismus – erkundete und die darin eingeschriebenen patriarchalen Strukturen beim Namen nannte. Was mir damals wichtig erschien, war es, die Geschichten der Frauen ans Licht zu bringen. Wir kannten nur die Biografien männlicher Lehrer.
Ohne die Geschichten von Frauen wissen wir nicht, wie wir in Momenten des Wandels vorgehen sollen.
Das wurde mir auf besondere Weise klar durch den Tod meiner Tochter Chiara, die als zweimonate alte Säugling an plötzlichem Kindstod starb. Plötzlich brauchte ich diese Geschichten von Frauen dringend – und musste feststellen: Es gab sie nicht.
Was die Führung betrifft, bewegen wir uns noch immer in patriarchalen Modellen. Dennoch bringt die Präsenz einer Frau oft eine andere Qualität: mehr Bezogenheit, mehr Aufmerksamkeit für Emotionen und Intuition. Tara Mandala war das erste tibetisch-buddhistische Zentrum, das eine Richtlinie zum Schutz vor sexueller Belästigung einführte, die alle Lehrenden unterzeichnen mussten. Diese Richtlinie entstand unmittelbar nach dem ersten gemeldeten Vorfall und wurde über die Jahre weiterentwickelt und verbessert. Das bedeutet nicht, dass wir immer alles richtig gemacht haben – aber wir versuchen stets, besser zu werden.
«In deinem Retreat im Landguet Ried unterrichtest du die Kernunterweisungen von Machig Labdrön zur Natur des Geistes. Was ist das Wesentliche dieses Textes und warum ist es dir wichtig, ihn gerade jetzt zu lehren?»
Seit vielen Jahren unterrichte ich aus Übersetzungen dieser originalen Kerntexte. Nun aber arbeite ich direkt aus dem tibetischen Original und entdecke dabei, welche Worte in den Übersetzungen, die ich kannte, tatsächlich verwendet wurden – und was dabei verloren gegangen ist oder sich verschoben hat.
Es ist wie eine Offenbarung, den Originaltext zu lesen – auf einmal ergibt so vieles viel mehr Sinn.
Ich freue mich sehr darauf, diese Erkenntnisse im Retreat zu teilen. Wir werden aus einem der beiden Haupttexte arbeiten, die an der Wurzel der mündlichen Überlieferungstradition von Machig Labdrön stehen. Dieser Text trägt den Titel: Die grosse Sammlung der Chöd-Unterweisungen zur Prajnaparamita. Er handelt von der Wurzel der Dämonen, den vier Hauptdämonen und der Natur des Geistes.
Machig Labdrön war eine tibetische Yogini des 11. Jahrhunderts, deren Unterweisungen und Praxis des Chöd – wörtlich «Abschneiden» oder «Durchdringen» – alle Schulen des tibetischen Buddhismus tiefgreifend beeinflusst haben. Ihre Texte sind nicht historische Dokumente, sondern lebendige Anweisungen, die uns heute so direkt berühren wie damals.
«Dein Retreat berührt die Frage, wie Angst, Verwirrung und innere Kontraktion entstehen – und wie diese Muster beginnen, sich aufzulösen, wenn sie erkannt werden. Was ist aus deiner Sicht der erste wesentliche Schritt in dieser Erkenntnis?»
Zu wissen, dass die Wurzel von Angst, Verwirrung und innerer Kontraktion der eigene Geist ist. Der erste Satz des Textes lautet:
«Die Wurzel aller Dämonen ist der eigene Geist.» – Machig Labdrön
Das klingt zunächst vielleicht erschreckend – doch darin liegt auch eine grosse Befreiung. Denn was aus dem eigenen Geist entsteht, kann auch durch den eigenen Geist erkannt und transformiert werden. Die vier Hauptdämonen, von denen der Text spricht, sind keine äusseren Wesen. Sie sind Muster des Festhaltens, des Widerstands, des Begehrens und der Ablehnung – vertraute innere Dynamiken, die wir alle kennen. Sobald wir diese Muster als solche erkennen, anstatt sie für die Wirklichkeit zu halten, beginnt sich etwas zu lösen.
Genau darin liegt das Herz der Chöd-Praxis: nicht Kämpfen, sondern Erkennen. Nicht Verdrängen, sondern Nähren – im Sinne von Machig Labdröns eigener Methode, die ich auch in meinem Buch Den Dämonen Nahrung geben ausgearbeitet habe. Das Gegenteil von Widerstand ist Offenheit. Und Offenheit ist der Anfang von Weisheit.
«Du hast eine Familie mit Kindern und Grosskindern und gleichzeitig einen tiefen spirituellen Weg. Wie zeigt sich das Zusammenspiel von westlichem Familienleben und tibetischer Tradition in deinem Alltag?»
Heute befinde ich mich in der Phase des Grosselternseins – und das bedeutet, dass ich viel freier bin, was meine Zeit betrifft. Es gab viele Jahre, in denen ich meine Kinder grosszog und kaum Zeit für mich selbst hatte. Heute lebe ich nicht in der Nähe meiner Kinder, aber wir sind fast täglich in Kontakt. Meine Rolle ist jetzt mehr die Unterstützung – für sie als Eltern, und die Möglichkeit, mit jedem meiner Grosskinder eine eigene Beziehung zu entwickeln. Sie sind alle so verschieden und auf ihre eigene Weise magisch und interessant. Ich glaube, Grosselternsein ist die Belohnung für das Elternsein.
Tara Mandala war in gewissem Sinne mein viertes Kind. Als ich es gründete, hatte ich immer wieder Träume, in denen ich ein Neugeborenes hielt. Und tatsächlich hat dieses Zentrum mindestens genauso viel Energie und Hingabe erfordert wie jedes meiner Kinder. Ich wurde plötzlich in eine Rolle gedrängt, auf die ich keinerlei Vorbereitung hatte: als Organisationsleiterin, als Fundraiserin, als Anführerin einer Gemeinschaft. Ich habe mein Bestes gegeben – und dabei gelernt, dass Administration definitiv nicht meine grösste Stärke ist.
Mutter zu werden war für meinen spirituellen Weg von entscheidender Bedeutung. Es hat so vieles auf die Probe gestellt, was zuvor, als ich noch Nonne war, eher konzeptuell geblieben war – zum Beispiel Geduld. Im Mahayana-Buddhismus wird die Mutter immer wieder als Beispiel genannt, wenn es um die Schulung eines Bodhisattvas geht. Das Elternsein macht diese Qualitäten – Liebe, Mitgefühl, Geduld – nicht zu Konzepten, sondern zu gelebter Erfahrung. Ich glaube, das ist der Grund.
«Mutter zu werden hat alles auf die Probe gestellt, was zuvor konzeptuell geblieben war – zum Beispiel Geduld.»
«Gibt es etwas im Alltag, das dich zuverlässig noch aus der Bahn wirft?»
Wenn eines meiner Kinder oder Grosskinder durch etwas Schwieriges geht, dann spüre ich das – und es wirft mich aus der Bahn, bis es sich aufgelöst hat. Das ist wohl der reinste Ausdruck des Bodhisattva-Ideals im Alltag: die Untrennbarkeit des eigenen Wohlbefindens von dem anderer Menschen, den man liebt.
Und wenn ich das Gefühl habe, eine Situation nicht weise genug gehandhabt zu haben – wenn mir die richtigen Worte gefehlt haben, wenn ich mich nicht klar genug ausgedrückt habe – dann wirft mich auch das aus der Bahn. Der Wunsch, geschickt zu handeln und Klarheit zu verkörpern, ist tief in mir verankert. Und die ehrliche Erkenntnis, wenn mir das nicht gelungen ist, bleibt als inneres Echo.
Vielleicht ist das auch ein Zeichen dafür, dass der Weg der Praxis niemals abgeschlossen ist. Wir üben nicht, um irgendwann unberührbar zu werden. Wir üben, um bewusster mit dem umzugehen, was uns bewegt – mit Ehrlichkeit und, soweit möglich, mit Mitgefühl für uns selbst.
«Wir üben nicht, um unberührbar zu werden. Wir üben, um bewusster mit dem umzugehen, was uns bewegt.»
Lama Tsültrim Allione leitet im Landguet Ried das Retreat «Machig Labdrön und die Natur des Geistes» – eine seltene Gelegenheit, direkt von einer der bedeutendsten westlichen Lamas der Gegenwart in die lebendige Überlieferungslinie Machig Labdröns einzutauchen. Im Mittelpunkt stehen Machigs Kernanweisungen zur Natur des Geistes, die Lehre von den vier Dämonen sowie die transformative Praxis des Chöd – Durchdringen, Erkennen, Loslassen.
Möchtest du diese Unterweisungen nicht nur lesen, sondern selbst erfahren? Hier findest du alle Details zum Retreat mit Tsültrim Allione >>>
Lama Tsültrim Allione ist die Bestsellerautorin von Tibets Weise Frauen (1984), Den Dämonen Nahrung geben (2008) und Die 5 Dakinis (2018). Sie ist Gründerin von Tara Mandala, einem 700 Acres grossen Retreatzentrum mit einem dreistöckigen Tempel, der sich den Lehren des göttlichen Weiblichen in der buddhistischen Tradition widmet und in der Nähe von Pagosa Springs in Südwest-Colorado liegt. Im Jahr 1970 wurde sie im Alter von 22 Jahren in Bodhgaya, Indien, als erste Amerikanerin zur tibetischen buddhistischen Nonne ordiniert. Sie legte ihre Gelübde später nieder, heiratete und wurde Mutter von drei Kindern; heute ist sie Grossmutter von sechs Grosskindern. 2007 wurde sie in Tibet und Nepal als Emanation der berühmten tibetischen Yogini Machig Labdrön des 11. Jahrhunderts anerkannt, und 2012 empfing sie die Machig-Labdrön-Ermächtigung von Seiner Heiligkeit dem 17. Karmapa.