5 Fragen an Dr. Marc Loewer
— Meditationslehrer und Psychotherapeut —
März 2026
In unserem Format «5 Fragen an …» stellen wir Kursleitende vor, die im Landguet Ried unterrichten. Den Auftakt macht Marc Loewer, Meditationslehrer und Psychotherapeut, der in seinen Retreats die Praxis der Meditation mit Erkenntnissen aus Psychologie und Neurowissenschaft verbindet. Im Gespräch geht es um Gewahrsein, den wandernden Geist, Loving Awareness und darum, wie Meditation in einer komplexen Welt zu einem inneren Kompass werden kann.
«Was bedeutet für dich Ankommen im wahren Zuhause ganz konkret – woran merkt man das im Alltag?»
Vielleicht beginne ich damit, etwas Grundsätzliches zu klären:
Gemäss den spirituellen Traditionen, in denen ich praktiziere und deren Übungsimpulse ich auch in meinen Retreats weitergebe, ist die Natur unseres Geistes reines Bewusstsein oder Gewahrsein. Dieses Gewahrsein ist frei von Fixierungen, substanzlos und zugleich klar und wissend. Einerseits ist es das, was wir in unserer tiefsten Essenz wirklich sind. Andererseits verlieren wir uns aufgrund unserer Konditionierungen in den Ansichten und Projektionen unseres Geistes.
Dieses uns innewohnende Gewahrsein zu erkennen und uns damit vertraut zu machen, ist Teil des Übungsweges, den wir auch im Retreat vertiefen. Auf diesem Weg erforschen wir unseren Geist mit all seinen Projektionen und Widerständen. Dieser Aspekt kann mitunter mühsam und aufreibend sein. Wenn wir jedoch dranbleiben, erfahren wir viel über uns selbst – und diese Erfahrung kann sich in Weisheit verwandeln, die uns auch im Alltag trägt.
Die eigene Wesensnatur zu erkennen, sich mit ihr vertraut zu machen und zunehmend darin zu verweilen, ist etwas zutiefst Befreiendes. Wir lernen eine innere Freiheit kennen, die im gewöhnlichen Leben oft von reaktiven Denk- und Verhaltensmustern überlagert wird. So entsteht die Möglichkeit, nicht nur freier zu leben, sondern sich mit uns selbst wirklich anzufreunden – und dadurch auch die Welt mit mehr Liebe zu betrachten.
Nun etwas konkreter im Hinblick auf den Alltag:
Unser Geist ist ständig unterwegs. Er wandert in die Vergangenheit oder in die Zukunft und ist selten dort, wo wir gerade sind – dort, wo das Leben tatsächlich geschieht. Im Alltag äussert sich das so, dass wir mit unerwünschten Situationen hadern oder uns gedanklich an andere Orte träumen: in den nächsten Urlaub, in eine andere Beziehung, zu einem erfüllenderen Job, zu mehr Zeit für uns selbst – oder zum nächsten Retreat.
«Ankommen im wahren Zuhause» bedeutet, dort zu sein, wo das Leben gerade stattfindet.
Wie gelingt das? Die spirituellen Traditionen bieten viele Hinweise und Wege an. Doch die Vielzahl an Methoden kann auch überfordernd sein. Deshalb beginne ich gern ganz einfach: Spüre jetzt, während du diese Zeilen liest, deinen Körper. Spüre deinen Atem. Werde dir bewusst, dass du liest.
Es ist die Hinwendung unserer Aufmerksamkeit zum gegenwärtigen Augenblick – so, wie er sich gerade vollzieht. Wir können diesen Moment nicht festhalten; das Jetzt dieses Augenblicks ist bereits wieder vergangen. Doch wir können im Prozess des Gewahrseins im Hier und Jetzt ankommen.
Dieses Ankommen ist einerseits radikal – weil es ein Heraustreten aus gewohnten Denk- und Verhaltensmustern bedeutet – und zugleich so einfach, dass wir es ständig übersehen. Die Übung besteht darin, Gewahrsein zu erkennen, sich damit vertraut zu machen und immer wieder darin zu verweilen.
Im Retreat vermittle ich praktische Übungen, die unsere gewohnten Gedankenmuster direkt unterbrechen. Sie eröffnen die Möglichkeit, das zu erkennen, was hinter den Gedanken liegt – oder genauer: das, woraus Denken überhaupt hervorgeht. Diese Praxis ist zugleich einfach, aber nicht leicht. Gerade wegen ihrer Einfachheit übersehen wir sie im Alltag. Deshalb geht es darum, uns immer wieder – auch nur für kurze Momente – mit dieser Weise, unserem Geist zu begegnen, vertraut zu machen.
Wie einer meiner Lehrer sagt: «Short moments, many times.»
«Du sprichst von einer Brücke zwischen Dharma und Psychologie/Neurowissenschaft: Was klärt die Wissenschaft wirklich – und wo wird sie aus deiner Sicht missverstanden oder überstrapaziert?»
Im Unterschied zu den Dharma-Traditionen, die sich seit Jahrtausenden mit der Erforschung des Geistes beschäftigen, ist die westliche Psychologie vergleichsweise jung. Sie ist sehr differenziert darin, Gehirnentwicklung zu beschreiben und Störungsmuster zu identifizieren. Ihr Fokus liegt jedoch häufig auf Pathologie – also auf dem Krankhaften – und weniger auf den tieferen Potenzialen unseres Geistes.
Gleichzeitig gibt es mittlerweile renommierte Institute, die Meditation und ihre Auswirkungen auf das Gehirn erforschen. Es gibt sehr spannende Forschung mit Langzeitmeditierenden, die zum Teil überraschende Ergebnisse zutage bringt. So zeigt sich, dass langjährige Meditation nicht nur kurzfristige mentale Zustände verändert, sondern auch tiefergreifende neuronale Muster (neuroplastische Veränderungen) beeinflusst — insbesondere in Bereichen, die mit Aufmerksamkeit, Emotionsregulation und Mitgefühl zusammenhängen. Dennoch sind diese Ansätze noch begrenzt – zum einen aus methodischen Gründen, zum anderen aufgrund der grundsätzlichen Herausforderung, etwas objektiv untersuchen zu wollen, das kein Objekt ist. Wir können nicht gleichzeitig aussen beobachten und innen erleben. Die wissenschaftliche Methodik operiert naturgemäss in dieser Subjekt-Objekt-Trennung.
In der direkten Erforschung des Geistes stellen wir hingegen Fragen wie: Wer ist sich dieses Augenblicks gewahr? Wenn wir wirklich tief schauen, entdecken wir etwas Erstaunliches: Es gibt Gewahrsein, ohne dass eine feste Instanz gefunden werden kann, die sieht oder beobachtet. Die sogenannte Ich-Instanz erweist sich als funktionales Konstrukt – hilfreich im Alltag, zugleich aber oft hinderlich für unser Glück.
Das Ich will ständig etwas. Es ist häufig unzufrieden, verstrickt sich in Begehren oder Ablehnung, fühlt sich getrennt oder ohnmächtig.
Interessanterweise zeigt auch die neurowissenschaftliche Forschung, dass die Aktivierung des sogenannten Default Mode Network (DMN) mit einem wandernden Geist zusammenhängt. Studien legen nahe, dass ein ständig wandernder Geist mit Unzufriedenheit korreliert. Bestimmte Meditationspraktiken setzen genau hier an, die Aktivierung des DMN zu reduzieren. Dabei entstehen häufig Zustände erhöhter Neuroplastizität und tieferen Lernens. Wir können tiefere Zusammenhänge und neue Perspektiven in unserem Leben entdecken.
Evolutionsbiologisch ist unser Gehirn darauf ausgerichtet, Gefahren zu erkennen und soziale Einbindung zu sichern. Doch in unserer heutigen komplexen Welt reagiert dieses System oft über.
Eine überaktive Amygdala etwa geht mit chronischer Bedrohungswahrnehmung einher und kann Kampf-oder-Flucht-Reaktionen verstärken. Wissenschaftlich wird dies unter anderem durch veränderte Verbindungen zum präfrontalen Kortex erklärt. Selbst wenn wir keine manifesten Traumatisierungen erlebt haben oder unter einer Angststörung leiden, kann dieses Wissen hilfreich sein. Es unterstützt unsere Meditationspraxis, indem wir lernen, unser Nervensystem zu regulieren und Reaktionsmuster zu verstehen, statt ihnen blind zu folgen.
Die Wissenschaft klärt also viel über Mechanismen. Die direkte Praxis hingegen ermöglicht Erfahrung. Beides kann sich sinnvoll ergänzen – solange wir nicht erwarten, dass das eine das andere vollständig ersetzt.
«Loving Awareness: Wie unterscheidet sich das von klassischer Achtsamkeit? Welche Übungen führen am direktesten dorthin?»
In einem Interview mit Jon Kabat-Zinn erzählte er mir, dass er den Begriff Loving Awareness dem Wort Achtsamkeit teilweise vorzieht. Achtsamkeit kann, wenn sie nur als Technik verstanden wird, rigide oder einseitig werden. Die liebevolle Grundhaltung kann dabei verloren gehen.
Man könnte zudem sagen: Achtsamkeit ist oft objektbezogen. Wir richten die Aufmerksamkeit auf den Atem, auf Körperempfindungen oder Geräusche. Awareness – im Sinne von Gewahrsein – ist eher subjektbezogen. Hier liegt der Fokus nicht auf dem Objekt, sondern auf dem Schauen selbst.
Sprachlich wird es hier schwierig, denn Gewahrsein ist kein Objekt. Es ist nicht etwas, das wir anschauen können – es ist das, wodurch geschaut wird, oder das, was schaut.
Loving Awareness bedeutet daher nicht nur waches Gewahrsein, sondern ein Gewahrsein, das von Freundlichkeit und Offenheit durchdrungen ist. Es ist ein Sein-Lassen dessen, was erscheint, getragen von einer grundlegenden Wärme.
Direkte Wege dorthin sind einfache, unmittelbare Fragen wie: Wer ist sich dieses Moments bewusst? Was ist hier, bevor ein Gedanke entsteht? Und auch: Kann ich dem gegenwärtigen Erleben mit Freundlichkeit begegnen? Es ist weniger eine Technik als eine Haltung – eine Rückkehr zu dem, was bereits da ist, unser wahres Zuhause.
«Natur des Geistes und Nondualität: Welche typische Falle siehst du bei Self-Inquiry (Wer bin ich?) – und wie kommt man wieder auf den richtigen Weg?»
Vielleicht verstehe ich die Frage nicht vollständig, doch eine typische Tendenz sehe ich darin, dass wir die nicht-duale Sichtweise unbewusst nutzen, um der Dualität – und damit der konkreten Komplexität unseres Lebens – auszuweichen.
Es kann geschehen, dass Alles ist eins zu einer subtilen Fluchtbewegung wird: weg von Beziehungskonflikten, inneren Spannungen, ungelösten biografischen Themen oder den ganz alltäglichen Herausforderungen unseres Lebens.
Doch ein spiritueller Weg, der nicht zurück in den Alltag führt, ist letztlich ein Irrweg. So hat es einer meiner langjährigen Lehrer, der Zen-Meister Willigis Jäger, treffend formuliert.
Gerade aus meiner Erfahrung in der psychotherapeutischen Praxis sehe ich, wie sehr Menschen mit sich hadern – und wie gross die Sehnsucht ist, der Komplexität von Beziehungen, Beruf und inneren Widersprüchen zu entkommen. Hier kann eine spirituelle Übungspraxis sehr heilsam sein. Nicht, indem sie diese Aspekte negiert, sondern indem sie uns lehrt, mit ihnen bewusster und freundlicher umzugehen.
In vielen therapeutischen Schulen sprechen wir von inneren Anteilen oder Modi. Oft sind wir mit diesen Anteilen sehr streng. Wir verurteilen uns selbst härter, als wir es je mit einem guten Freund oder sogar einem Fremden tun würden. Diese innere Härte zu erkennen, ist ein entscheidender Schritt.
Self-Inquiry – die Frage «Wer bin ich?» – darf nicht dazu führen, dass wir unser psychologisches Selbst abwerten oder überspringen. Ein gesundes, integriertes Selbst ist kein Hindernis für Nondualität, sondern ihr Fundament.
Wenn wir lernen, mit unseren inneren Anteilen freundlich, klar und verantwortungsvoll umzugehen, entsteht Stabilität. Und aus dieser Stabilität heraus kann die Erfahrung der Nicht-Getrenntheit reifen – ohne dass sie zu einer spirituellen Vermeidungsstrategie wird.
Der richtige Weg ist also kein abstrakter Zustand, sondern die Bereitschaft, sowohl die relative als auch die absolute Ebene ernst zu nehmen: die Einheit des Seins – und die konkrete Wirklichkeit unseres menschlichen Lebens.
«In einer Zeit von Informationsflut und digitaler Überforderung: Welchen inneren Kompass kann Meditation stärken, ohne dass es zur Selbstoptimierung wird?»
Der Umgang mit digitalen Reizen und der ständigen Verfügbarkeit von Informationen ist für viele – auch für mich natürlich – eine grosse Herausforderung: Vieles wirkt dringend, vieles scheint wichtig, und unser Nervensystem steht dauerhaft unter Spannung.
Evolutionsbiologisch ist unser Gehirn darauf ausgerichtet, auf Neues, potenzielle Gefahren und soziale Signale zu reagieren. Digitale Medien sprechen genau diese Mechanismen an – oft in einer Intensität, für die unser System ursprünglich nicht geschaffen ist.
Meditation kann hier einen inneren Kompass stärken, der weniger reflexhaft auf äussere Reize reagiert und mehr aus innerer Klarheit heraus entscheidet. Dieser Kompass ist keine Leistungsinstanz, die fragt, wie wir effizienter oder besser werden. Er richtet den Blick vielmehr darauf, was im jeweiligen Moment wirklich wesentlich ist, was unser Leben nährt und was uns erschöpft. Wenn der Geist gesammelt im Hier und Jetzt ruht, entsteht auf einfache Weise Zufriedenheit – nicht, weil alles perfekt wäre, sondern weil wir nicht ständig innerlich woanders sind.
So stärkt Meditation die Fähigkeit zur Selbstregulation: innezuhalten, bevor wir reagieren, Reiz und Reaktion zu entkoppeln und bewusst zu wählen, womit wir unsere Aufmerksamkeit nähren. Ohne diese bewusste Wahl wird Aufmerksamkeit zur Ware; mit ihr wird sie zu einem Akt innerer Freiheit.
Der Unterschied zur Selbstoptimierung liegt dabei in der Motivation: Selbstoptimierung entspringt oft einem Gefühl des Mangels – dem Eindruck, noch nicht genug zu sein. Meditation hingegen beginnt mit der stillen Anerkennung, bereits da zu sein. Aus dieser Haltung erwächst Orientierung – nicht als Druck, sondern als ruhige, freundliche Klarheit. Und vielleicht ist genau das der innere Kompass, den wir heute mehr denn je brauchen.
Marc Loewer führt vom 1. - 5. Juli 2026 das Retreat «Coming Home Intensive – Entdecke Dein wahres Zuhause» im Landguet Ried durch – in einem ruhigen und klaren Rahmen, der es ermöglicht, der eigenen Erfahrung des Geistes unmittelbar zu begegnen. Durch Meditation, stille Praxis und achtsame Selbsterforschung entsteht ein Raum, in dem gewohnte Gedankenmuster, innere Spannungen und Projektionen sichtbar werden können – nicht um sie zu bewerten, sondern um ihnen mit mehr Gewahrsein und Freundlichkeit zu begegnen.
Möchtest du diesen Raum der Stille und des Gewahrseins nicht nur verstehen, sondern selbst erfahren? Hier findest du alle Details zum Retreat mit Marc Loewer >>>