Der Weg nach innen ist ein Weg ins Leben

— Ein Text von Marcel Steiner —

März 2026



Eine persönliche und berührende Annäherung an Meditation, Big Mind und innere Stimmen: Der Text von Marcel Steiner zeigt, wie aus Selbstkritik, Scham und innerem Kampf ein freundlicherer, tieferer Zugang zum Leben entstehen kann.


Meine Motivation für vieles in meinem Leben war ein tiefes Gefühl des Nicht-Genügens, der Scham sowie das Gefühl, ich müsste mir das Leben erst verdienen.

Als ich 1984 im Rahmen meines Theologiestudiums die ökumenische Gemeinschaft von Taizé besuchte, stellte sich in mir eine tiefe Überzeugung ein: Das, was wir Gott nennen, oder einfacher ausgedrückt das Leben, ist zutiefst für uns da, denn es drückt sich ja ganz unmittelbar in unserer Existenz aus. Später kam die intensive Auseinandersetzung mit der Tradition des Zen hinzu. Dort übe ich seit über 30 Jahren etwas, das sich nicht üben lässt: das einfache, reine Sein.

Rumi hat mir mit seinen Worten den Weg gewiesen: «Sinke tiefer … und tiefer … und tiefer … in immer weiter werdende Kreise des Seins!»

In diesem Versenkungsprozess bin ich all den Stimmen und Anteilen begegnet, mit denen ich mich identifizierte und die ich für meine Person hielt: meinen Gedanken, meinen Gefühlen, meiner Geschichte, meinem Leib. Lange meinte ich, Meditieren bedeute, diese Stimmen zum Verstummen zu bringen – ein hoffnungsloses Unterfangen. Denn allem, dem ich Widerstand leiste, gebe ich eigentlich erst recht Stand.

Im Englischen heisst es so treffend: «What you resist persists.»

Es war der sogenannte Big-Mind-Prozess, der mir ein Instrument in die Hand gab, um einen freundlichen Umgang mit diesen Stimmen oder Teilpersönlichkeiten zu pflegen. In diesem Prozess denken wir nicht über diese Anteile nach, sondern gehen ganz in ihre Perspektive hinein und erforschen sie von innen heraus: Wie fühlt sich eine Stimme an? Wie zeigt sie sich im Körper? Zum Beispiel die des Beschützers oder der Beschützerin. Diesen Prozess durchlaufen wir nicht allein, sondern wir teilen ihn gemeinsam in der Gruppe. Dazu geht die ganze Gruppe in eine bestimmte Stimme und jede und jeder spricht aus ihr heraus auf Fragen, die ich der jeweiligen Stimme stelle. Was ist dein Sinn und Zweck? Was kannst du am besten, und was ist deine Gabe? Wie wirst du vom Ich gesehen?

Wenn unsere inneren Anteile so eingeladen werden, sich frei äussern zu dürfen, und sie merken, dass sie gesehen und gehört werden, geschieht etwas Erstaunliches: Sie zeigen uns ihr wahres Wesen und ihre Gaben.

Wir erkennen dann, dass wir meist nur einen Bruchteil von ihnen wahrgenommen haben – oft vor allem den schwierigen oder belastenden Anteil. Indem sich diese Stimmen frei äussern, beruhigen sich diese Anteile meist und wir können tiefer sinken. Dadurch wird es möglich, mit unserem tiefsten Wesen in Kontakt zu treten und es als unsere eigentliche Heimat zu erkennen. Das Spannende dabei ist: Jede noch so banal erscheinende Stimme weist uns letztlich den Weg zu unserer Essenz. Wenn wir uns darin beheimaten und von dort aus neu in den Alltag treten, können wir all unsere inneren Anteile neu zu uns nehmen und sie entsprechend ihrer Gabe positiv wirken lassen.

Diese Arbeit hat auch meine Meditationspraxis verändert. Sie wird entspannter. Anstatt gegen etwas anzukämpfen, entstehen Freundschaften nach innen und nach aussen. Wenn wir uns als den grenzenlos weiten Raum des bewussten Seins erkennen, findet darin alles seinen Platz und seine Zeit. Wir werden nicht perfekt, sondern erkennen unsere Ganzheit. Das lädt uns auch ein, mitfühlender mit den Menschen umzugehen, die uns auf unserem Weg begegnen. Im Grunde weisen alle guten Wege auf dieses Leben, diesen Leib, diesen Augenblick hin. In ihm ist alles gegenwärtig, was wir so oft abwesend wähnen.

Ich sehe die Chance und Herausforderung unserer Zeit darin, dass uns viele Wege offenstehen, wir uns in ihrer Vielfalt aber auch leicht verlieren und uns nirgends wirklich einlassen. Zugleich eröffnet uns diese Vielfalt die Möglichkeit, einen Zugang zu finden, der unserem Wesen entspricht. Die gute Vielfalt erlöst uns von dem Eindruck, es gäbe nur einen einzigen richtigen Weg. In der chassidischen Tradition heisst es so schön: «Jeder Weg kann dich zu Gott führen, wenn du ihn nur so gehst, dass er dich dahin führen kann.» Während ich früher die Tiefe einer Erfahrung daran gemessen habe, wie sehr sie sich vom Alltag unterscheidet und mir etwas Aussergewöhnliches zuspielt, prüfe ich sie heute vielmehr an der Frage: Hilft sie mir, ein bisschen freundlicher zu sein mit mir selbst, meinen Mitmenschen und der Welt? Alles Aussergewöhnliche hat keinen Bestand und zieht sich irgendwann zurück. Die Gelegenheit, mitfühlend zu leben, bietet sich uns jedoch in jedem Augenblick.

Der verstorbene Zen-Meister Bernie Glassman, einer meiner Lehrer, sagte immer: «Zeige mir, wie du mit dir, deinen Mitmenschen und der Welt umgehst, und ich zeige dir, wie erleuchtet du bist.»

Als man Aldous Huxley auf dem Sterbebett fragte, welche essenzielle Empfehlung er weitergeben möchte, sagte er: «Seid ein bisschen freundlicher zu euren Nachbarn!» Banal? Kaum. Denn gerade alltägliche Beziehungen bringen zum Ausdruck, wie wir uns selbst und der Welt begegnen. Es geht letztlich um die Liebe, wie Jesus es schon vor langer Zeit auf den Punkt brachte: «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.» Manchmal scheint es mir, als hätten wir den Satz unmerklich abgewandelt in: «Liebe deinen Nächsten, nicht dich selbst» – als wäre Selbstliebe dasselbe wie Egoismus.

Auf diesem Weg der Liebe begleiten wir einander. So verstehe ich meine Aufgabe: andere Menschen auf ihrem Weg begleiten zu dürfen. Als ich 2009 Zen-Lehrer wurde, empfing ich den schönen Namen «Kyosa» – Brückenbauer. Während ich in Taizé den ökumenischen Dialog erlernte und mich durch das Zen auf den interreligiösen Dialog einliess, führte mich mein Weg insgesamt von einer eher aufsteigenden, dieses Leben transzendierenden Form der Spiritualität zu einer Spiritualität, die tiefer in dieses Leben hineinführt.

Oder, um es mit den Worten Rumis zu sagen: «Mein Leben lang habe ich die Welt durchwandert und nach Gott gesucht. Als ich heimkehrte, fand ich ihn an der Türe meines Herzens stehend, und er sagte zu mir: Hier habe ich seit je auf dich gewartet.»

Big Mind ist für mich eine wunderbare, freundliche und lebendige Einladung, das Leben durch Meditation und die Erforschung innerer Stimmen zu erkunden.


Marcel Steiner führt vom 26. bis 28. Juni 2026 das Retreat «Weiter Geist – Grosses Herz» im Landguet Ried durch. In der Verbindung von Meditation und Big-Mind-Prozess entsteht ein stiller und lebendiger Raum, in dem innere Stimmen erforscht, gewürdigt und in ihrer Tiefe neu verstanden werden können. So kann aus Anspannung und innerem Kampf mehr Freundlichkeit, Weite und Verbundenheit wachsen. Offenheit ist willkommen, Vorerfahrung in Meditation hilfreich, aber nicht notwendig.

Möchtest du diesen Raum selbst betreten und erfahren? Hier findest du alle Details zum Retreat mit Marcel Steiner >>>


Marcel Steiner – Seit seiner Kindheit lockte ihn das Geheimnis des Lebens intensiv. Zunächst vor allem draussen in der Natur, später auf unterschiedlichen Wegen nach innen. Immer drückte es sich für ihn in der Natur aus: zuerst im Wald, den er als Kind schon liebte, später in den Bergen und heute vor allem auch am und im Meer.

Vor über 40 Jahren entdeckte er das Fasten, vor über 30 Jahren die Zenmeditation, und seit sechs Jahren ist es die Arbeit mit der Pflanzenmedizin, die ihn auf seinem Weg begleitet und nährt.

Heute arbeitet er mit verschiedenen Elementen (Zen, Fasten, Big Mind und Substanzen), die einander unterstützen und bereichern. Diese verbindet er in unterschiedlicher Weise – je nach Format der Retreats.

Stefanie Weilenmann